von Dr. Bettina Bönsch
Will man über Anliegen und Ziele des Arbeitskreises (AK) Ost berichten, kommt man an dessen Geschichte kaum vorbei. Diese ist tief mit der Entwicklung der Autismus-Hilfen in Ostdeutschland – aber auch mit der des Bundesverbandes verbunden und spiegelt bis heute die allgemeinen Bedingungen im vormals geteilten und nun vereinigten Deutschland wider.
Das ursprüngliche Arbeitsprinzip erwies sich über die Jahre als sehr produktiv: Angehörige wie Fachleute mit unterschiedlichstem Bezug zu Autismus erarbeiten gemeinsam ein Thema, diskutieren es und üben die Umsetzung. Bis heute führt der Arbeitskreis sehr verschiedene Akteure zusammen. Man befasst sich mit guten Praxisbeispielen; Themen wie Austragungsorte wechseln.
Unserer Gründungsmitglied Johannes Ballnus (†) schrieb über die Anfangszeit folgendes:
„1979 war für uns ein Jahr des Aufbruchs. Wir wussten nun seit 5 Jahren, dass unser Sohn ein „klassischer“ Autist ist, hatten uns wichtige Literatur beschafft und Kontakt mit dem Bundesverband „Hilfe für das autistische Kind“ in Hamburg aufgenommen. Dieses Zusammentreffen war nicht nur der Beginn einer kontinuierlichen Autismusarbeit in Dresden, sondern zugleich der Beginn der Arbeit im genannten Arbeitskreis. Spontan fand sich in Dresden eine Gruppe interessierter Eltern zusammen, der sich sehr früh Frau Dr. Freund mit einigen Mitarbeitern anschloss. Wir persönlich hatten mit unseren therapeutischen Bemühungen Erfolg und fühlten uns bestärkt durch die Anerkennung und die Anregungen der Fachleute. Unser Sohn machte in dieser Zeit beachtliche Fortschritte. Als erste „Amtshandlung“ wurde ein von uns ausgearbeitetes Merkblatt „Frühkindlicher Autismus“ an alle Einrichtungen des Diakonischen Werkes in der DDR verschickt. Unser Werben hatte Erfolg; mehrere Einrichtungen reagierten positiv und ließen sich einbeziehen.“
Die Treffen fanden zweimal im Jahr statt und bewältigten in relativ kurzer Zeit ein beachtliches Pensum. Frau Dr. Freund baute in Dresden eine ambulante Beratungsstelle auf. Im Jahr 1980 fand ein erstes Elternseminar im Harz statt, ihm folgte ein Therapeutenseminar in Arnstadt und in der Folge weitere in anderen Orten der DDR. Zentrale Themen waren „Autismus verstehen“ sowie Therapie- und Förderansätze, wobei sich in den Veranstaltungen Wissensvermittlung, Üben und gegenseitiger Austausch ergänzten.
Die wachsenden eigenen Erfahrungen flossen in die 1987 herausgegebene Broschüre „Autistische Kinder“ ein. Daneben fanden von 1983 bis 1989 alle 2 Jahre Fachtagungen „Autismus“ in Fürstenwalde und Berlin statt, an denen zunehmend Fachleute aus dem staatlichen Gesundheitswesen teilnahmen.
In den turbulenten Zeiten nach der Wiedervereinigung gab es unbeschreiblich viele Veränderungen. Regionalverbände und andere Selbsthilfe-Interessenvertretungen gründeten sich. Autismus wurde auch in jenen Regionen ein Begriff, die bis dato weiße Flecke waren. Ungeahnte Perspektiven schienen sich aufzutun. Doch bald setzte die Erkenntnis ein, dass in den neuen Bundesländern andere Bedingungen bestanden und spezifische Probleme gelöst werden mussten. So blieb der Arbeitskreis als AG des Bundesverbandes bestehen. Es wurde beschlossen, die Veranstaltungsorte zu wechseln und ein dazu passendes Thema anzusetzen. Auf diese Weise besuchten wir Schulen, Therapiezentren, Wohnstätten und vergleichbare Einrichtungen und erfuhren viel über deren Werdegang und die spezifischen Bedingungen in den Regionen: In Chemnitz besichtigten wir die Räumlichkeiten des Autismuszentrums kurz nach deren Eröffnung. In gleicher Weise lud „Kleine Wege“ nach Nordhausen ein und schilderte anschaulich sein Förderkonzept. Die Samariter-Anstalten in Fürstenwalde waren bereits zu DDR-Zeiten Anlaufpunkt für betroffene Familien – bis heute besteht eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem LV Brandenburg.
Weitere A(T)Z lernten wir in Leipzig, Rostock, Bautzen, Jena und Wittenberg kennen. In Magdeburg wurde daneben ein passgenaues Angebot zur Nachmittagsbetreuung von Schulkindern mit Autismus etabliert. Von viel Engagement und Liebe zur Sache konnten wir uns sowohl in Neinstedt bei Thale als auch in Auerbach im Vogtland überzeugen; erstes beherbergt eine wundervolle freie Schule, die Inklusion lebt und Schüler von hoher Begabung bis zu tiefer Beeinträchtigung unterrichtet; im zweiten hat der ansässige Regionalverband eine tagesstukturierende Einrichtung für Erwachsene mit besonders hohem Unterstützungsbedarf etabliert.
Und die Idee des Arbeitskreises besteht weiter – nach Corona-Pause und Neuorientierung trafen wir uns 2023 zum Kennenlernen der Erfurter Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie 2024 in großer Runde in Dresden zum Thema „Wohnen in einer WG“. Nach wie vor bringt der AK Ost unterschiedlichste Akteure zusammen: Vertreter der Regionalverbände, Therapeuten, betroffene Eltern, Psychologen, Psychiater und Heilpädagogen, Mitarbeiter bzw. Leiter von unterschiedlichsten Einrichtungen, Kooperationspartner. Und nach wie vor gibt es genügend Fragen und Herausforderungen – und wundervolle, kreative Lösungen, denen man Nachahmung wünscht – an sich auch außerhalb des Einzugsbereichs!